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Auf Vernunft gebaut

Wie kann Integration gelingen? In seinem Gastbeitrag für die „Süddeutsche“ mahnte  kürzlich der seit 2015 in Berlin lebende syrische Journalist Yahya Alaous einen „Kant’schen Integrativ“ an: Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht gehe es für Flüchtlinge darum, Zeichen zu setzen und so vorbildlich zu handeln, wie sie hier auch fast immer behandelt würden.

Prüfstand moralischen Handelns

In der aufgeheizten Integrations-Debatte scheint der Verweis auf Immanuel Kant (1724 – 1804) durchaus hilfreich zu sein – und das nicht nur für die Migranten. Der Philosoph hatte in seiner 1785 entwickelten „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ den „Kategorischen Imperativ“ als einen Prüfstein moralischen Handelns formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Der Volksmund sagt dazu sinngemäß: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.“

Welche Moral steckt hinter diesem Anspruch? Wer definiert eigentlich für uns, was richtig und falsch ist? Wer ist im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit? Die Politik? Die Kirchen? Die Protestbewegungen? Die Medien oder die Sozialen Netzwerke? Oder doch nur jeder für sich?

Nachgefragt bei Kant

Auf der Suche nach Antworten, hilft einmal mehr Kant. Für ihn speist sich Erkenntnis aus zwei sehr unterschiedlichen Quellen: der Vernunft und der Erfahrung. Durch den Gebrauch seiner Vernunft erkenne der Mensch die „Ideen“, zum Beispiel Freiheit, Pflicht und Gesetz. Seine Erfahrung sammele er aus Sinneswahrnehmungen, also Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken. Dann gibt es noch die von jeder Erfahrung unabhängige Theorie. Sie bezeichnet Kant als „Metaphysik“. In eine „Metaphysik der Sitten“ stecke das „höchste Prinzip der Moralität“: der „Kategorische Imperativ“.

Raus aus der Erregungsspirale

Was heißt das für den gesellschaftlichen Diskurs um die Flüchtlingsintegration? Ein Gefühl allein – sei es Angst oder ein Unbehagen vor dem Fremden – führt noch nicht zur Erkenntnis, schon gar nicht zur Moralität. Es gehört immer auch Vernunft dazu, sonst entstehen allenfalls Getöse und noch mehr Aufregung. Erst recht in Zeiten des Internets und einer sich immer schneller drehenden Erregungsspirale. Sich zu bewaffnen, Bürgerwehren zu bilden oder Flüchtlinge medienwirksam wie Sondermüll vor dem Kanzleramt abzuladen, erscheint kaum mehr als ein emotionaler Reflex und wird zu einem gefährlichen Spiel mit einer labilen, öffentlichen Gemütslage. Koste es, was es wolle. Das führt nicht nur philosophisch in die Sackgasse. Im Sinne Kants wird es ohne die Einbeziehung der Vernunft und das Reflektieren auf eine übergeordnete Maxime wie die „Unantastbarkeit der Menschenwürde“ keine weiterführende Erkenntnis und damit keine Lösung und erst recht keinen moralischen Konsens geben können.

Der von Yahya Alaous eingeforderte „Kant’sche Integrativ“ hat in diesem Sinne das Zeug, vorbildlich zu sein. Denn er hebt darauf ab, dass jeder eingeladen ist, auf dem Weg zur Erkenntnis die Dinge zu Ende zu denken: Integration kann nur im Wechselspiel von erfahrener Empathie, Herzenswärme, respektvollem Miteinander und – zwingend – mit Vernunft gelingen. Profitieren können davon alle Beteiligten im Integrationsprozess. Frei nach Kant: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

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