WILLKOMMEN BEI INSOMI e.V.

Tun was zu tun ist

„Hilfe, hilfe“ – ein verzweifelter Schrei! Er kommt dahinten vom See. Ich renne hin und sehe nicht weit vom Steg einen Menschen im Wasser. Er rudert mit den Armen, taucht immer wieder unter. Da ist ein Rettungsring, mit einer Leine. Ich will ihn von dem Holzgestell greifen und dem Menschen zuwerfen. Doch der Ring ist mit einem Bügel und einem Vorhängeschloss gesichert. Daneben ein Schild: „Im Notfall wenden Sie sich bitte an den örtlichen Rettungsdienst Telefon…..“

Was machen Sie denn da?

Ich habe noch nicht fertig gelesen, da kommt ein Ruf von ganz hinten auf dem See: „Was machen Sie da?“ In knapp 200 Meter Entfernung ist ein Rettungsschwimmer im Einsatz. Er hat einen anderen Nichtschwimmer in Not im Schlepptau. „Wir brauchen hier den Rettungsring, wie kriege ich den los?“, rufe ich aufgeregt. „Lassen Sie mal, ich mache das schon“, antwortet er, wendet sich ab und kümmert sich weiter um die Bergung des Nichtschwimmers.

Können Sie überhaupt retten?

Eine Passantin kommt an den Steg, sie erkennt die Lage und sagt: „Ja, ja, hier fallen in diesen Tagen viele ins Wasser. Es sind zuletzt so viele Rettungsringe weggekommen, da ist es schon richtig, dass diese nur in die richtigen Hände kommen“, sagt sie. „Und sehen Sie, mein Herr, das ist ja auch zu Ihrem eigenen Schutz. Können Sie überhaupt retten? Und was ist, wenn Sie einen Fehler machen? Sind Sie überhaupt versichert? Es ehrt Sie ja, dass Sie helfen wollen, aber dafür sind ja auch die erfahrenen Profis da.“ Ehe ich etwas erwidern kann, blicke ich noch mal zum Wasser. Wo eben der Hilferuf herkam, steigen noch ein paar Bläschen auf. Dann ist der See glatt und glänzend wie ein Spiegel….

Ich schrecke hoch. Das Bett ist zerwühlt, kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Es war nur ein Traum. Gottseidank! Es ist ja auch kein Wunder, dass die Bilder von der Not der Flüchtlinge mittlerweile bis in die Träume reinwirken.

Erst die Formulare, dann die Tat

Gestern hatten mir die INSOMIs von den mitunter verschlungenen administrativen Wegen erzählt, die beschritten werden müssen, bis der Verein überhaupt ins helfende Tun kommen kann. Da sind vereinsrechtliche Hürden zu nehmen, müssen Gemeinden, Landratsämter, Wohlfahrtseinrichtungen und Hilfsorganisationen dazu noch mögliche Netzwerkpartner besucht und mit dem Verein bekannt gemacht werden. Zahllose Formulare und Anträge müssen ausgefüllt und ein strukturierter Prozess aufgesetzt werden, damit Mentoren und Mentees (das sind die, sich von Mentoren unterstützen lassen) wissen, worauf sie sich überhaupt einlassen. Nicht zuletzt sind dann da noch die „alten“ und neuen Mitglieder, die jetzt anfassen und sich engagieren wollen und dazu viele Fragen haben …

Ein „stiller Held“ als Vorbild

Und das alles in einem Umfeld, in dem der Begriff „Willkommenskultur“ von der immer größer werdenden „Das Boot ist voll“-Fraktion zunehmend negativ gedeutet wird. Was heißt das für die, die helfen wollen? Mir fällt da die Weihnachtspredigt unseres Pfarrers Reichert ein. Er hatte an der Krippe von Joseph erzählt. Maria war schwanger, aber eindeutig nicht von ihm. Im öffentlichen Empfinden der Zeit ein absolutes No-Go. Joseph hätte allen Grund gehabt sich abzuwenden. Er hat sich darüber hinweg gesetzt, aus seiner zutiefst menschlichen Überzeugung, dass es richtig und wichtig ist „einfach tun, was zu tun ist“, ohne nach den allfälligen Wenn’s und Aber’s zu fragen: Für Reichert ist er ein „stiller Held“. Für mich hat er die historische Figur in ein besonderes Licht gerückt: als Vorbild – ganz besonders auch für Menschen, die anderen Menschen einen Rettungsring zuwerfen wollen und können.

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