WILLKOMMEN BEI INSOMI e.V.

Angekommen im Leben

Flucht vor Verfolgung, schwieriges Ankommen in einem neuen Leben, einer neuen Kultur – und dann ist da auf einmal Selina, „die Himmlische“. Eine Mentorenfamilie berichtet von ihren Erlebnissen und neuen Zuversichten:  

Seit einem Jahr begleiten wir eine Ende 2015 eine Familie mit zwei Kindern als Mentoren. Sie waren im Iran aufgrund ihres christlichen Glaubens Verfolgungen und Diskriminierungen ausgesetzt und 2015 geflüchtet. Wir sind selber eine Familie mit drei Kindern und hatten uns über INSOMI der Geflüchteten angenommen. Nach anfänglichem Beschnuppern und Kennenlernen machten wir gemeinsame Unternehmungen und näherten uns weiter an. Bald folgte die Unterstützung bei der Suche nach einem Deutschkurs für den Vater, nach einem Kindergartenplatz für den jüngsten Spross sowie die Kontaktaufnahme zur Lehrerin der 13-jährigen Tochter, um herausfinden, ob’s in der Schule irgendwo klemmt… Es gab und gibt immer viel zu tun bei der Hilfe zur Selbsthilfe.

Bewegte Zeiten

Im Herbst kam dann das dritte Kind, ein süßes Töchterchen, auf die Welt. Aber wie es manchmal so geht: Es lief nicht alles reibungslos. Für Mutter und Kind sollten nach der Geburt schwere Monate folgen, weitere Aufenthalte im Krankenhaus, dann Entlassung für ein paar Tage, immer wieder zurück ins Krankenhaus, Organisation von Dolmetschern, Behördengänge. Auch für uns als Mentoren ging’s an die Grenzen der Belastbarkeit. Kurz vor Weihnachten ein besonderer Tag der Freude: Anerkennung der „Flüchtlingseigenschaft“, die Familie ist nun auch formal in Sicherheit. Und dann der Höhepunkt am Heiligen Abend – das Baby darf zum ersten mal nach Hause.

Dieser Tage stand nun die Taufe und damit die Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche an. Wir wurden dazu eingeladen. Am Sonntag holten wir die Mutter mit ihrem Täufling ab, dazu eine befreundete Mutter aus der Unterkunft mit ihrem gerade fünf Tage alten Neugeborenen, ihren von einer Nierenstein-OP erst genesenen Ehemann und ab ging´s zur evangelischen Kirche in der Nähe.

Schick gemacht

Dort warteten neben den sonntäglichen Gottesdienstbesuchern aus dem Ort auch ihre iranischen Freunde aus der Flüchtlingsunterkunft. Ebenso waren die zwei Schwestern mit ihren Ehemännern und einem weiteren Baby sowie ihrer Cousine zugegen – alle leben seit ein paar Jahren in Deutschland. Was uns besonders auffiel war, wie schick sich die meisten Frauen gemacht hatten – top gestylt, „aufgebrezelt“, wie man in Bayern sagt.

Der Taufgottesdienst begann pünktlich um 10 Uhr. Eine Viertelstunde später trudelten dann noch der kleine Bruder des Täuflings sowie ein paar Freunde der Familie ein – alle wollten dabeisein. Das Baby wurde reihum gereicht und ließ alles ohne zu murren über sich ergehen. Nach der Predigt wurde das Mädchen getauft und sein Leben in die Hand Gottes gelegt. Ihr Name: Selina, die „Himmlische“. Diese Taufe unterschied sich durch nichts von der Taufe unserer Kinder, außer dass unsere Mentees dann auch zusammen mit ihren Freunden ein Tauflied aus ihrer iranischen Heimat sangen. Da konnten wir dann nur andächtig lauschen.

Unendliche Gastfreundschaft

Im Anschluss wurden wir zusammen mit den Familienangehörigen zum Essen in der Unterkunft eingeladen – nein, Essen war untertrieben, es war ein Festgelage. Die Mutter hatte am Tag und in der Nacht zuvor alles vorbereitet. Noch während sie nachts um 2 Uhr einen Kuchen backte, whatsappte sie mit unserer Mentee-Mutter, die auch noch damit beschäftigt war, das Mahl vorzubereiten. Der Aufwand hatte sich gelohnt: typische iranische Köstlichkeiten, spezielle Gewürze und Zutaten, einfach nur grandios. Nach zweieinhalb Stunden Schlemmerei konnten wir nicht mehr und fielen fast um. Unendliche Gastfreundschaft schlug uns entgegen.

Wir haben diesen Tag dankbar als ein Beispiel für gelebte und gefühlte Integration empfunden. Unsere Mentee-Familie ist ein Stückchen weiter in Deutschland und unserer Gesellschaft angekommen. Passend dazu der Taufspruch: „Christus spricht: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen“.